Nimmt Facebook Tourismus-Seiten den Namen weg?

Demnächst werden in Deutschland (und wohl auch in absehbarer Zeit in Österreich) viele Städte ihre bisherigen Seitennamen verlieren, so wie es bereits München ergangen ist. Facebook begründet diesen Schritt damit, dass ein geografischer Ort niemandem gehört. Die Betreiber der München-Seite haben von über 400.000 Fans ohne Vorwarnung (!) Abschied nehmen und eine neue Seite erstellen müssen. Die Facebook-Seite ”München.de” immerhin schon über 336.000 Fans. Der Nutzername durfte beibehalten werden: https://www.facebook.com/muenchen. Warum nicht gleich auch Facebook verzichten? Das will und kann heutzutage kein moderner Ort mehr. Dazu passend im aktuellen Artikel auf Zeit Online:

«Nicht auf Facebook zu sein, ist für uns keine Option.» Torralf Köhler, Sprecher des Portals Hamburg.de

Die nächste Stadt ist laut Spiegel.de, Berlin. Dort geht’s dann schon um 1,4 Millionen Fans. Facebook möchte nun plötzlich nicht mehr, dass sich Tourismusvermarkter oder politische Vertreter Seiten von Städten einverleiben. Irgendwie nachvollziehbar, denn wem gehört ein Ort? Dem Tourismus? Der Politik? Den Bürgern? Niemandem? Am ehesten wohl dem, der dafür zahlt, also doch den Bürgern! Oder doch einer Community? Das alles ist Facebook Wurscht, es hat seine eigenen Regeln. Andererseits erhalten die Fans mit Sicherheit mehr Service und Information von touristisch betriebenen Seiten, als wenn Facebook diese selbst betreibt. Der Ausweg aus der Misere ist gar nicht so schwer: einfach die Seite umbenennen!

Tourismusorte sind gespannt

Viele Touristiker in Österreich werden sich daher die Frage stellen, ob Facebook hier gleich wie in Deutschland vorgehen wird. Gerade in Tourismus-Hochburgen wie Tirol sind viele Orts-Seiten naturgemäß automatisch jene vom Tourismusverband. Der Artikel in der Online-Ausgabe der Tiroler Tageszeitung weist ebenfalls darauf hin:

Auch in Tirol betreiben Tourismusverbände oder Gemeinden Seiten, die nach Orten oder im Fall Innsbrucks nach einer Stadt benannt sind, mit teilweise beträchtlichen Fan-Zahlen. Der Tourismus-Ort Ischgl erreicht über seine Facebook-Seite „Ischgl“ beispielsweise über 37.000 Personen.

Ob Städte nun auch den Nutzernamen ändern müssen – bei München war dies ja nicht der Fall – bleibt abzuwarten. Denn damit wäre auch ein gewisser Aufwand verbunden, vor allem wenn man die Adresse auf Printmaterial verwendet hat.

Exkurs: Facebook-Webadressen selbst ändern (neu)

Wer Facebook vorgreifen möchte und Nutzernamen selbst ändern möchte, kann dies nun einmalig tun. Nur bei persönlichen Profilen konnte man bis dato den Nutzernamen (auch “Vanity-URL” oder ”Facebook-Webadresse”) ändern. Facebook unterscheidet zwischen Nutzernamen und Seitennamen. Ein Beispiel für einen Nutzernamen wäre „Innsbruck“, also der letzte Teil der vollständigen Internetadresse der Facebook-Seite (https://www.facebook.com/Innsbruck), die in der Adresszeile des Browsers steht. Der Seitenname hingegen lautet in diesem Fall „Innsbruck – Tyrol (Austria)“ und steht groß unter dem Titelbild einer Seite. Beide Namen können völlig unabhängig voneinander gewählt werden. Der Seitenname kann nur bis zu maximal 200 „Fans“ („Gefällt mir“) geändert werden. Bei den Städten wird es wohl eine Ausnahme geben müssen. Der Nutzername hingegen kann seit heute (27.6.2012) einmalig geändert werden – wie eben schon bisher bei Personen-Profilen. Dazu geht man in den Admin-Bereich unter “Allgemeine Informationen” – “Change username”.

Copyright Innsbruck Tourismus, Facebook.

 

Auszug aus den Nutzungsbedingungen für Facebook-Seiten (Stand: 29. Februar 2012):

A.    Seitennamen und Facebook-Webadressen

Seitennamen und Facebook-Webadressen müssen die Seiteninhalte genau wiedergeben. Wir können deine administrativen Rechte entfernen bzw. von dir verlangen, den Seitennamen und die Facebook-Webadresse für jede Seite zu ändern, die diese Bedingung nicht erfüllt.
Seitennamen müssen folgende Bestimmungen einhalten:
i.    Sie dürfen nicht nur aus allgemeinen Begriffen bestehen (z. B. „Bier“ oder „Pizza“);
ii.    Sie müssen richtige, grammatikalisch korrekte Großschreibung verwenden und dürfen nicht ausschließlich Großbuchstaben enthalten, mit Ausnahme von Akronymen;
iii.    Sie dürfen keine Zeichen oder Symbole, wie besispielsweise überflüssige Satzzeichen und Handelsmarkenbezeichnungen, verwenden; und
iv.    Sie dürfen keine überflüssigen Beschreibungen oder unnötigen Vermerke enthalten.

Apropos Innsbruck…

Da war doch mal was! Vor ungefähr zwei Jahren gab es bereits einen ähnlichen Fall in Innsbruck. Damals sind die 10.000 Fans einer privat gegründeten Seite über Innsbruck kurzerhand “abhanden” gekommen. Aber jetzt kommt’s: die sind nicht zu Facebook selbst gewandert, sondern wurden von Facebook der Seite des Tourismusverbandes zugeteilt. Zumindest wenn die Vermutung von Hannes Treichl, dem Gründer der Seite, richtig ist. Die Seite hatte ursprünglich den Seitennamen “Innsbruck (Tirol, Austria)” und war unter dem Nutzernamen https://www.facebook.com/Innsbruck direkt erreichbar. Nach der Aktion war der Nutzername mit der Seite von Innsbruck Tourismus “Innsbruck – Tyrol (Austria)” verknüpft und die alte Seite wurde gelöscht. Lesenswert dazu ist auch der Beitrag vom Rechtsexperten Dr. Carsten Ulbricht.
So wird’s gemacht

Fazit

Mich erinnert das zudem ein wenig an den “Domainstreit” zwischen Tiscover und den Tourismusverbänden vor mehr als zehn Jahren. Man stelle den Nutzer, der nicht zwingend Marketing- und Werbeempfänger sein will, in das Zentrum der objektiven Betrachtung. Es ist mit Sicherheit nicht so, dass jeder Nutzer einer Seite automatisch touristische oder politische Informationen haben möchte. In stark touristischen Tiroler Orten mag das vielleicht anders sein. Aber dennoch sind viele Nutzer wahrscheinlich mehr an einer Community und weniger an Werbung interessiert. Ob Facebook auch so denkt, wage ich zu bezweifeln. Aber die Vorgangsweise würde dafür sprechen. Vielleicht möchte Facebook andererseits damit nur die Werbeanzeigen ankurbeln, denn die Städte-Seiten haben die vielen Fans wahrscheinlich weitgehend ohne Ads erhalten. Die Lösung ist dennoch denkbar einfach: man spielt mit offenen Karten und deklariert seine Seite von vorn herein als das was sie ist: eine interaktive Plattform für Touristen, Bürger, Konsumenten, oder eben dem Zweck, dem sie dienen soll. Das wäre nicht nur hilfreich für die Nutzer sondern obendrein sogar regelkonform. München und Innsbruck sind bestimmt nur einzelne Beispiele die zeigen, wie Facebook auch bei Unternehmens-Seiten nach Belieben schaltet und waltet. Ja dürfens denn das? Ja, dürfen schon. Daher ist von voreiligen Aktionen und Änderungen abzuraten, zumal Facebook für rasche Regeländerungen bekannt ist…

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